Eine Reise, die Erinnerung in  Zukunft verwandelt 

Voyage pour transformer la mémoire en avenir: Ein Bericht über den Frankreich-Austausch der Stufe 10 mit den französischen Städten Tulle und Brive-la-Gaillarde vom 8.-14. Juni 2026.

Am Montag, den 8. Juni 2026, trafen wir uns früh morgens mit  Frau Hummelsberger und Frau Donnart am Hauptbahnhof in Mannheim. Alle 20 Teilnehmer*innen waren ein bisschen aufgeregt, aber freuten sich auch sehr auf die bevorstehende Reise.

Die Zugfahrt verlief zunächst ohne Probleme. In Paris stiegen wir in die Metro um und fuhren anschließend mit dem Zug weiter nach Brive-la-Gaillarde. Dort gab es jedoch ein kleines Problem: Der Regionalzug nach Tulle wurde auf der Anzeigetafel nicht angezeigt. Deshalb stiegen wir zuerst in den falschen Zug ein. Zum Glück bemerkten wir den Fehler rechtzeitig und stiegen wieder aus. Dadurch kamen wir jedoch etwas verspätet in Tulle an.

Dort wurden wir von den französischen Lehrkräften herzlich empfangen und zum Lycée René Cassin gebracht, wo es ein gemeinsames Abendessen mit den Austauschschüler*innen aus Tulle gab. Danach bezogen wir unsere Drei- oder Vierbettzimmer im Internatsgebäude der Schule. Die meisten französischen Schüler*innen der Region Corrèze sind im Internat untergebracht, weil sie zu weit von ihren Schulen entfernt wohnen und der öffentliche Nahverkehr nicht so gut ausgebaut ist. Sie wohnen deshalb nur am Wochenende und in den Ferien bei ihren Eltern.

Viele waren überrascht, wie streng die Regeln im Internat sind. Die Flure der Mädchen und Jungen sind strikt voneinander getrennt. Nach dem Abendessen darf man das Internat nicht mehr verlassen und ab 22 Uhr herrscht Nachtruhe. Danach ist es nicht mehr erlaubt das Zimmer zu verlassen.

Am Dienstag, dem 9. Juni 2026, lernten wir Tulle kennen. Am Morgen nahmen wir an einer Stadtführung teil und erfuhren viel über die Geschichte der Stadt. Anschließend besuchten wir das Museum „Cité de l’accordéon et des patrimoines“, wo wir etwas über das Akkordeon, die Spitzenherstellung und die frühere Waffenfabrik lernten.

Nach dem Mittagessen im Lycée Cassin konnten wir zwischen einem Workshop zur deutsch-französischen Geschichte und Zukunft sowie einem Gottesdienst anlässlich des Jahrestages des Massakers von Tulle wählen.

Am späten Nachmittag nahmen wir an der jährlichen Gedenkveranstaltung zum Massaker teil, das den thematischen Schwerpunkt unseres Austauschs bildete. Dabei wurde an die Ereignisse vom 9. Juni 1944 erinnert, als die SS-Panzerdivision „Das Reich“ in Tulle hunderte Männer der Stadt zusammentrieb, 99 von ihnen erhängte und über 149 weitere in deutsche Konzentrationslager deportierte, von denen über hundert nicht zurückkehrten.

Die Veranstaltung dauerte etwa zwei Stunden. Nach einem sehr emotionalen Hörspiel zu den Ereignissen des 9. Juni setzte sich der Gedenkzug von der Innenstadt aus in Bewegung. Er führte vorbei an 99 Blumensträußen, die an den Balkonen, Geländern und Laternen angebracht waren, an denen die 99 Männer aus Tulle erhängt worden waren. Der Zug führte schließlich weiter zu dem Ort, an dem die Leichen damals in zwei Massengräbern verscharrt worden waren. Die deutschen Soldaten hatten hierfür bewusst die städtische Müllhalde gewählt, um die Familien der Opfer zusätzlich zu demütigen.

Als wir die vielen Menschen sahen, die auch mehr als 80 Jahre nach den Ereignissen noch tief berührt waren und teilweise nicht aufhören konnten zu weinen, wurde uns bewusst, welche Bedeutung dieses Trauma und die dazugehörige Zeremonie für die Menschen in Tulle bis heute hat. Die Veranstaltung machte uns außerdem deutlich, wie wichtig Frieden und Verständigung – auch durch unseren Schüleraustausch – zwischen den Völkern sind.
Dieser Tag verband Kultur, Geschichte und persönliche Eindrücke und wird uns deshalb besonders in Erinnerung bleiben.

Am Mittwoch holten wir zunächst mit dem Reisebus, der vom Institut français gesponsert wurde, die französischen Mädchen aus Brive ab.
Gemeinsam fuhren wir in eine Spielehalle, wo wir mit unseren Austauschpartner*innen Bowling und Lasertag spielten. Das hat allen viel Spaß gemacht. Danach ging es nach Lubersac, wo wir in der Mensa des Collège zu Mittag aßen.

Nach dem leckeren und reichhaltigen Mittagessen fuhren wir nach Pompadour zum Rugbystadion, das nach dem Zweiten Weltkrieg von deutschen Kriegsgefangenen errichtet wurde. Dort nahmen wir an einer kleinen Gedenkfeier teil und legten Blumen sowie unser Wandbild zur deutsch-französischen Freundschaft nieder. Die Veranstaltung wurde vom Komitee der Märtyrer von Tulle organisiert. Dem Komitee ist es wichtig, nicht nur an das Leid der Französinnen, sondern auch an das der deutschen Kriegsgefangenen zu erinnern.

Zu der Feier waren auch Herr Mehler und seine Mutter aus Deutschland angereist sowie Mitglieder der französischen Familie, die den Vater von Herrn Mehler während seiner Kriegsgefangenschaft in der Corrèze unterstützte und mit ihm auch nach dem Krieg befreundet blieb. Das war für uns ein besonderes Zeichen der deutsch-französischen Freundschaft.

Anschließend hörten wir noch einen kurzen Vortrag über das ehemalige Kriegsgefangenenlager „La Trémouille“. Danach fuhren wir zum Internat des Lycée René Cassin in Tulle zurück, spielten noch gemeinsam mit den französischen Schüler*innen Fußball und ließen den Tag gemütlich ausklingen.

Am Donnerstag standen wir wie gewohnt auf und gingen gemeinsam frühstücken. Dabei wurde uns erneut bewusst, wie streng der Alltag im Internat organisiert ist: Die französischen Internatsschüler*innen müssen bereits um 7:15 Uhr beim Frühstück sein und dürfen danach bis zum Abend nicht mehr auf ihre Zimmer zurückkehren. Das war für viele von uns ungewohnt.

Anschließend holten wir unsere Austauschpartner*innen aus Brive ab, die dort im Internat ihrer Schule wohnen, und fuhren mit dem Bus zum Maison Edmond Michelet. Im Museum bekamen wir eine Führung und verschiedene Arbeitsaufträge zum Thema Widerstand.

Edmond Michelet war ein Mitglied der französischen Résistance, wurde im Zweiten Weltkrieg von den Nationalsozialisten verhaftet und nach Dachau deportiert. Nach dem Krieg setzte er sich für die deutsch-französische Versöhnung ein.

Besonders beeindruckend war eine Ausstellung mit Bildern aus der Zeit des Nationalsozialismus und den Konzentrationslagern. Sie zeigte noch einmal, wie schrecklich diese Zeit war und warum Erinnerung wichtig ist.

Mittags aßen wir in der Mensa des Lycée Bahuet. Im Vergleich zu deutschen Schulkantinen war das Mittagessen dort sehr besonders: Es gab viele verschiedene und sehr reichhaltige Gänge – ganz anders als in Deutschland. Danach hatten wir endlich etwas Freizeit in Brive. Die Freude darüber war bei allen groß, denn wir konnten endlich ein bisschen shoppen, unsere Essensvorräte auffüllen und Souvenirs kaufen. 

Am Freitag begann unser Tag mit dem Packen und den Vorbereitungen für die Abreise aus dem Internat. Wir zogen die Bettwäsche ab und gaben sie den französischen Corres zurück.

Anschließend fuhren wir mit dem Bus nach Aubazine. Gemeinsam wanderten wir entlang des Canal des Moines. Dabei erfuhren wir, dass der Kanal bereits im 12. Jahrhundert von Mönchen gebaut wurde, um Wasser zum Kloster von Aubazine zu leiten. Die Wanderung durch die Natur war sehr entspannt und hat uns richtig gut gefallen.

Danach ging es zurück zum Lycée Cassin. Nach dem Mittagessen schauten wir uns eine Fotoreportage an, die Herr Giaume vom Comité des Martyrs über unseren Besuch in Mannheim zusammengestellt hatte. Es war schön, die gemeinsamen Erlebnisse noch einmal zu sehen und zu merken, wie viel wir in dieser Woche bereits zusammen erlebt hatten.

Eigentlich sollte am Nachmittag ein Workshop mit dem ehemaligen französischen Präsidenten François Hollande stattfinden. Dieser musste jedoch wegen der Beerdigung von Bernadette Chirac kurzfristig abgesagt werden. Stattdessen spielten wir gemeinsam Badminton und Volleyball in der Sporthalle des Internats, was allen viel Spaß machte.

Zum Abschluss gab es einen kleinen Imbiss, der vom Comité des Martyrs organisiert wurde. Danach holten wir unser Gepäck und fuhren gemeinsam mit unseren Austauschpartner*innen zu den Gastfamilien. Es war ein schöner letzter gemeinsamer Tag vor dem Wochenende in den Familien.

Individuelle Aktivitäten am Wochenende: 

  1. Am Samstag haben meine Austauschschülerin und ich erst einmal lange ausgeschlafen, weil wir von der Woche ziemlich müde waren. Nach dem Aufstehen haben wir gemeinsam gefrühstückt und sind anschließend in den Pool gegangen. (In der Corrèze, die sehr ländlich ist, wird es im Sommer sehr heiß. Viele Familien haben deshalb einen Pool.) Währenddessen war ihre Tante zu Besuch, sodass ihre ganze Familie auf der Terrasse saß. Ihr großer Bruder war ebenfalls mit uns im Pool.
    Am Nachmittag kamen einige Freundinnen meiner Austauschschülerin vorbei. Gemeinsam wurden wir mit dem Auto in ein Nachbardorf gefahren, wo ein Dorffest stattfand. Dort gab es Getränkestände und eine Bühne mit DJ-Musik. Zusammen mit meiner Austauschschülerin und ihren Freundinnen habe ich den Abend dort verbracht. Wir haben viel getanzt und hatten sehr viel Spaß.
    Spät am Abend hat uns ihr Vater wieder abgeholt. Zu Hause haben wir noch gemeinsam eine Serie geschaut, bevor wir beide eingeschlafen sind.
  • An unserem freien Tag sind meine Austauschschülerin und ich zunächst zur Reitstunde gegangen, haben uns um das Pferd gekümmert und sind eine Stunde geritten. Danach sind wir nach Hause gefahren und haben uns fertig gemacht, denn wir waren mit ihren Freundinnen und anderen Austauschschülerinnen verabredet. Gemeinsam gingen wir auf die Messe und hatten dort eine gute Zeit.
    Im Anschluss sind wir mit ihren Eltern in einem asiatischen Restaurant essen gegangen. Danach musste ich noch packen, denn es war leider schon unser letzter Abend in Frankreich.
  • Am Wochenende war ich in Tulle bei meinem Austauschpartner. Am Samstagabend hat er bei sich zu Hause eine kleine Gartenparty mit Pool, Fußball und Grillen organisiert. Er hatte auch unsere deutschen und französischen Freunde vom Austausch eingeladen. Nach der Party haben wir alle in Zelten im Garten übernachtet.

Am Sonntag, den 14. Juni 2026, war Abreisetag. Alle Schüler*innen, die den Samstag mit ihren Austauschpartner*innen und deren Familie verbracht hatten, sollten um 9:40 Uhr am Bahnhof in Tulle sein. Einige Familien waren schon eine halbe Stunde früher vor Ort, damit sie auf jeden Fall pünktlich waren. Als alle Familien am Treffpunkt waren, wurden die Gewinner der Rallye in Heidelberg am Donnerstag der Woche in Mannheim gekürt. Die ersten drei Vierer-Gruppen erhielten Süßigkeiten als Preis.
Der Abschied war bei den Teilnehmenden sehr herzlich, denn die französischen und deutschen Austauschpartner*innen hatten sich in den zwei Wochen, die sie zusammen verbracht haben, angefreundet.
Um 10 Uhr fuhren die deutschen Schüler*innen erst knapp eine halbe Stunde mit einem Regionalzug nach Brive, um dort in den Zug nach Paris zu steigen. Die Fahrt nach Paris dauerte viereinhalb Stunden. In Paris musste die Gruppe vom Bahnhof Paris Austerlitz mit der Metro zum Bahnhof Paris Est fahren. Die Fahrt lief zügig, sodass in Paris Est noch ca. 40 Minuten Zeit waren, in denen die Schülerinnen in kleinen Gruppen im Bahnhof herumlaufen und Proviant oder andere Andenken kaufen konnten. Der ICE von Paris Est nach Mannheim startete pünktlich. In Kehl gab es allerdings wegen einer Zollkontrolle eine Verzögerung von einer Viertelstunde, sodass die Gruppe leicht verspätet in Mannheim ankam. Nach der Verabschiedung gingen alle Schüler*innen mit ihren Eltern nach Hause.

Fazit

Die Gedenkveranstaltungen haben auf die Teilnehmenden einen großen Eindruck gemacht. Besonders beeindruckend war, als am Dienstag nach der Parade die Namen und das Alter der Getöteten vorgelesen wurden, weil sie so nicht mehr nur eine Zahl waren, sondern ein Gesicht bekommen haben. Es war erschreckend zu hören, wie jung viele der Opfer waren. Gleichzeitig war das Wochenprogramm sehr ausgewogen, weil auch über die deutschen Kriegsgefangenen und deren Leidenszeit in Frankreich berichtet wurde. Sehr spannend und berührend waren auch die Informationen über Edmond Michelet am Donnerstag, der selbst im Konzentrationslager in Dachau gewesen war und der trotzdem die deutsch-französische Freundschaft als Herzensanliegen vorangetrieben hat. Bei einigen Begegnungen ist den deutschen Schüler*innen aufgefallen, dass auch heute noch manche der dort lebenden Franzosen und Französinnen zurückhaltend oder kritisch gegenüber Deutschen sind. Umso bemerkenswerter war es, wie Edmond Michelet in die Zukunft geblickt und gerade für junge Leute Begegnungen ermöglicht hat.
Die Zeit im Internat hat den Deutschen gezeigt, wie verschult und strikt der dortige Alltag im Vergleich zu ihrer Schule in Mannheim ist. Die französischen Schüler*innen werden je nach Uhrzeit aus ihren Zimmern ausgesperrt oder zum Lernen oder Schlafen in den Stockwerken eingeschlossen. Auf die Außengelände durfte bzw. musste man nur zu bestimmten Zeiten. Für einige war das sehr gewöhnungsbedürftig.
Insgesamt war der Austausch eine aufschlussreiche Erfahrung, weil man viel über die kulturellen Unterschiede, den Krieg und den Alltag von französischen Schüler*innen im Internat erfahren hat. Ich bin sehr froh, dass ich dabei war.

Danksagung

Wir möchten uns herzlich bei allen bedanken, die diesen besonderen Austausch möglich gemacht haben. Unser besonderer Dank gilt

  • dem Deutsch-Französischen Jugendwerk (DFJW) für den Reisekostenzuschuss,
  • dem Institut français Mannheim für die Übernahme der Buskosten in der Corrèze,
  • dem Comité des Martyrs de Tulle für das herzliche Miteinander sowie die gemeinsame Erinnerungs- und Zukunftsarbeit,
  • dem französischen Honorarkonsul in Mannheim Volker Zöller für seine Initiative und sein Engagement, 
  • Dr. Heil für die großzügige finanzielle Unterstützung der Erinnerungsarbeit des Comité des Martyrs,
  • der Stadt Mannheim für die Unterstützung bei der Planung,
  • den Schulleitungen des Lycée Bahuet (Brive-la-Gaillarde) und des Lycée René Cassin (Tulle) für die vertrauensvolle Zusammenarbeit,
  • insbesondere Laurent Cornet, Schulleiter des Lycée René Cassin, für sein großes Wohlwollen gegenüber dem Austauschprojekt und die unkomplizierte Aufnahme der deutschen Schülerinnen und Schüler im Internat,
  • allen Schülerinnen und Schülern für ihr Interesse, ihre Offenheit und ihre Teilnahme an dieser wichtigen Begegnung.

Ohne diese vielfältige Unterstützung wäre dieser Austausch nicht möglich gewesen. Merci beaucoup!

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