„Geschichte, die verbindet“ – Deutsch-französischer Schüleraustausch in Mannheim setzt starkes Zeichen für Erinnerung und Freundschaft

Mannheim – Interkulturelle Begegnung und Geschichte zum Anfassen: Vom 26. April bis zum 2. Mai 2026 fand am Ludwig-Frank-Gymnasium Mannheim ein deutsch-französischer Schüleraustausch mit Jugendlichen aus Mannheim sowie aus Tulle und Brive-la-Gaillarde statt. Eine Woche voller gemeinsamer Aktivitäten, kultureller Begegnungen und intensiver Auseinandersetzung mit der gemeinsamen Vergangenheit prägte das Programm und hinterließ bei den Beteiligten bleibende Eindrücke.

Im Rahmen des Austauschs beschäftigten sich die französischen und deutschen Schülerinnen mit einem der dunkelsten Kapitel der gemeinsamen Geschichte: dem Nationalsozialismus. Zur Vorbereitung besuchte die Gruppe die Dauerausstellung des MARCHIVUM Mannheim. Ein besonders bewegender Moment war der Vortrag von Vertreterinnen des Komitees der Märtyrer von Tulle, die Hintergründe und Einzelschicksale zum Massaker von Tulle am 9. Juni 1944 eindrücklich vermittelten.

Anwesend waren zwei direkt Betroffene: die französische Begleitlehrkraft Sophie Godillon, deren Großvater 1944 von deutschen Soldaten gemeinsam mit 98 weiteren Bewohnern Tulles erhängt wurde, sowie Alain Peuch, dessen Vater ebenfalls Opfer nationalsozialistischer Gewalt wurde. Die Referent*innen schilderten die Ereignisse eindringlich und schufen eine Atmosphäre, die viele Jugendliche sichtlich berührte. In der anschließenden Reflexion wurde deutlich, wie sehr die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit das Bewusstsein für Demokratie und Frieden stärkt und wie unverzichtbar Erinnerungsarbeit auch heute bleibt. Gerade dieser Programmpunkt machte deutlich, dass europäische Freundschaft nicht selbstverständlich ist, sondern aktives Engagement erfordert.

Die Erinnerungsarbeit wird deshalb konsequent fortgeführt: Beim Gegenbesuch vom 8. bis 14. Juni 2026 vertieft die deutsch-französische Gruppe die im Austausch begonnene Auseinandersetzung mit der Geschichte vor Ort, indem sie am 9. Juni 2026 an den Gedenkveranstaltungen zum Massaker von Tulle teilnimmt und dabei auf weitere Angehörige von Opferfamilien trifft.

Wie nachhaltig solche Begegnungen wirken können, zeigte sich bereits während des Vortrags in Mannheim: Zu den Gästen gehörten auch die Ehefrau und der Sohn des ehemaligen deutschen Kriegsgefangenen Karl-Heinz Mehler. Mehler war als Jugendlicher nach Kriegsende in die Corrèze geschickt worden und hatte seine Erinnerungen später schriftlich festgehalten. Zwischen seiner Familie und den Menschen der Region bestehen bis heute enge freundschaftliche Beziehungen – ein eindrucksvolles Zeichen dafür, dass aus der gemeinsamen Auseinandersetzung mit der Geschichte über Generationen hinweg menschliche Verbundenheit entstehen kann.

Unterstützung und Begleitung des Projekts

Das Projekt wurde durch zahlreiche lokale Partner unterstützt. Der französische Honorarkonsul in Mannheim, Folker R. Zöller, hat die Entwicklung der Schulpartnerschaft mit historischem Schwerpunkt maßgeblich gefördert. Ebenso unterstützte die Stadt Mannheim das Projekt: Der frankophile Oberbürgermeister Christian Specht hieß die Austauschgruppe persönlich in Mannheim willkommen und betonte dabei die Bedeutung der Erinnerungsarbeit durch junge Menschen. Auch Herr Dr. Heil, dem die Förderung der deutsch-französischen Beziehungen ein besonderes Anliegen ist, unterstützte die Arbeit des Komitees der Märtyrer von Tulle mit einer großzügigen finanziellen Spende.

Darüber hinaus spielte das Institut français Mannheim eine zentrale Rolle bei der Vorbereitung und Durchführung des Austauschs: Es unterstützte das Projekt durch Workshops, die organisatorische Vorbereitung des städtischen Empfangs sowie durch einen finanziellen Beitrag zur Durchführung der Fahrt nach Frankreich. Zusätzlich wird die Begegnung durch einen Reisekostenzuschuss des Deutsch-Französisches Jugendwerk gefördert.

Außerdem ermöglichten das Technik Museum Sinsheim und das MARCHIVUM Mannheim im Rahmen erinnerungskultureller Zusammenarbeit den kostenlosen Eintritt für alle Teilnehmenden beziehungsweise die kostenfreie Nutzung der Räumlichkeiten für die schulische Projektarbeit.

Neben dem historischen Schwerpunkt bot die Austauschwoche außerdem ein vielfältiges Programm: darunter eine Stadtrallye zu den Murals von STADT.WAND.KUNST, die Besichtigung des Heidelberger Schlosses, gemeinsame sportliche Aktivitäten wie Bowling sowie ein deutsch-französisches Freundschaftsfest im Ludwig-Frank-Gymnasium, bei dem Austauschfamilien und Teilnehmende in entspannter Atmosphäre zusammenkamen.

Am Ende der Woche blieb vor allem eines: das Gefühl, dass dieser Austausch mehr ist als ein Projekt. Er ist ein lebendiges Zeichen dafür, dass aus gemeinsamer Erinnerung Verantwortung wächst und aus Begegnung echte Freundschaft entstehen kann.

Auch die Homepage der Stadt Mannheim berichtet über den Austausch: https://www.mannheim.de/de/nachrichten/schueleraustausch-zwischen-tulle-brive-la-gaillarde-und-mannheim-erinnerung-begegnung-und-gelebte