„Heimsuchung“ von Jenny Erpenbeck: Eine Lesung im NTM als Inspiration

Der Roman Heimsuchung (2007) von Jenny Erpenbeck ist 2026 zum ersten Mal Thema im Deutschabitur – kein einfaches Werk! Auf diese komplexe Lektüre müssen sich die Leser schon einlassen, sowohl sprachlich als auch inhaltlich. Wir haben es „geschafft“ im Deutsch-LK: Ihn uns gemeinsam erschlossen und uns Zeit für Fragen und Diskussionen genommen.

Zum Abschluss lernten wir Jenny Erpenbeck bei ihrer Lesung im voll besetzten NTM persönlich kennen. Die Autorin beantwortete ganz unterschiedliche Fragen aus dem jungen Abiturientenpublikum und nach der Veranstaltung konnten wir uns ganz ungezwungen mit ihr austauschen.

Erpenbeck wünscht sich ein „offenes Nachdenken“ über ihren Roman, kein „Einhämmern“ vorgegebener Interpretationen oder viel „schlaues Geschwafel“. Das spricht junge Menschen an. Und sie können es.

Schülerinnen und Schüler sollten einfach ihre Gedanken zu „Heimat“ aufschreiben: Fokussierte Stille im Klassenraum – starke Texte sind entstanden, wie dieser:

Heimat

Heimat – ein Haus, ein Gefühl, für manche vielleicht nur eine einzige Person, bei der man sich überall „zu Hause“ fühlt. Doch was bedeutet dieses „Zuhause“ eigentlich? Und wann ist man wirklich angekommen? Vielleicht sind es genau diese Fragen, welche die Bewohnerinnen und Bewohner in Heimsuchung am stärksten bewegen.

Während einige Menschen bereits beim ersten Betreten eines Ortes spüren: Hier gehöre ich hin, hier kann ich bleiben, sind andere – wie etwa die Schriftstellerin – rastlos auf der Suche. Auf der Suche nach einer Antwort, nach einem Ort, nach einem Gefühl, das bleibt. Sie versuchen zu begreifen, was Heimat überhaupt ist, und scheinen ihr doch nie ganz nahezukommen. Vielleicht, weil Heimat kein fester Ort ist, sondern ein innerer Zustand. Kein Besitz, sondern ein Empfinden.

Denn ein Haus allein macht noch kein Zuhause. Wände schützen vor Wind und Wetter, aber sie bewahren keine Erinnerungen. Erst die Spuren des Lebens – das Lachen in den Räumen, die leisen Gespräche in der Nacht, das wiederkehrende Knarren einer Treppe – verwandeln ein Gebäude in einen Ort der Vertrautheit. Heimat entsteht dort, wo Erinnerungen Wurzeln schlagen.

Oft sind es die unscheinbaren Dinge, die diese Wurzeln nähren: Der Duft von Pfefferminze im Garten, das herbe, erdige Aroma von Kampfer. Solche Gerüche sind mehr als bloße Sinneseindrücke – sie tragen Zeit in sich. Sie verbinden Vergangenheit und Gegenwart, lassen Vergangenes für einen Moment wieder lebendig werden. In ihnen liegt ein Stück Ewigkeit, ein stilles Versprechen von Beständigkeit.

So wird deutlich: Das Emotionale überwiegt das Materielle. Ein „einfaches Haus“ bleibt nur ein Bauwerk aus Stein und Holz, solange es nicht mit Gefühlen gefüllt wird. Erst wenn ein Mensch einem Ort Bedeutung verleiht, wenn er ihn mit Erinnerungen, Hoffnungen und vielleicht auch mit Verlust verbindet, wird aus vier Wänden Heimat.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Heimat ist kein geografischer Punkt auf einer Landkarte. Sie ist ein Geflecht aus Erinnerungen, Sehnsucht und Zugehörigkeit. Sie kann ein Haus sein, ein See, ein Sommer, eine Stimme – oder nur der flüchtige Duft von Pfefferminze und Kampfer. Heimat ist dort, wo etwas in uns zur Ruhe kommt. Und vielleicht ist sie gerade deshalb so schwer zu fassen: Weil sie weniger ein Ort ist als ein Gefühl, das uns sucht – genauso sehr, wie wir es suchen.

Rania K., KS2