Queere Geschichte am LFG – ein Zeitzeugenbericht mit Klaus Schirdewahn  über das Leben unter Paragraph 175

Am Montag, den 17.11.2025, fand im Rahmen der Kooperation des philosophischen Cafés und der Schule der Vielfalt ein Zeitzeugenvortrag zur Verfolgung unter dem „Schwulen“-Paragraphen 175 statt. Aktivist und Zeitzeuge Klaus Schirdewahn, der sich in der Senior:innen-Gruppe Gay & Grey der Rhein-Neckar-Metropole engagiert und auch schon im Jahre 2023 vor dem Bundestag bei der Gedenkstunde an die Opfer das Nationalsozialismus erinnerte, sprach vor circa 80 Schüler:innen und Lehrer:innen im Theatersaal der Schule. Darunter unter anderem die Vielfalt-AG des Ludwig-Frank-Gymnasiums und der Seminarkurs „Queere Identität und Kultur“ unter der Leitung der Vielfaltskoordinator:innen F. Fritz und E. Agnetta.

Paragraph 175 war ein Gesetz, das die Verfolgung homosexueller Männer durch die Kriminalisierung von sexuellen Handlungen ermöglichte und das von 1871 bis 1994 bestand hatte: Im Nationalsozialismus wurde die Regel jedoch verschärft, sodass jede Form der Zuneigung wie z. B. das Händchen-Halten unter Strafe gestellt wurde. Schon in den 50er Jahren wurde der Paragraph in der DDR, sowie im Jahre 1969 in der BRD reformiert.Klaus Schirdewahn berichtete von seiner Verhaftung als 17-Jähriger und der Konversionstherapie in der Mannheimer Mittelstraße, wo man versuchte ihn zu „heilen“. Das lag daran, dass man damals glaubte, Homosexualität sei eine pubertäre Phase und eine Krankheit, wenn sie im Erwachsenenalter weiter ausgelebt würde. Mittels Gesprächen und des Rorschachtests versuchten die Therapeuten vergeblich, Erfolge zu erzielen.

Als der Zeitzeuge dann jedoch eine Frau heiratete, vor der er seine Homosexualität nicht verbarg, wurde er als „geheilt“ erklärt und nicht weiter therapiert. Doch der institutionelle, gesellschaftliche und religiöse Druck machten sich bei Herrn Schirdewahn bemerkbar: Er konnte mit niemandem über seine Identität reden, redete sich die Vorurteile zur Homosexualität ein und versuchte, den Rollenerwartungen an einen Mann gerecht zu werden: Er gründete eine Familie und lebte nebenbei im Verborgenen  seine Homosexualität aus.

Schirdewahns Appell an die Schülerschaft bestand darin, zu sich selbst zu stehen und sich immer jemanden zu suchen, mit dem man reden kann, „da man sonst krank wird.“ Gegen eine genetisch angeborene Eigenschaft anzukämpfen, sei widersinnig. Der Vortrag wurde mit einem von Rokas Wille gedrehten Film zur Biographie Klaus Schirdewahns und seines Ehemannes begonnen und von zahlreichen Fragen von Schülerseite abgerundet, die sich kritisch und interessiert mit dem Zeitzeugenbericht auseinandersetzten: Welche Tipps kann Herr Schirdewahn für die heutige Zeit geben? Warum hat er eine Frau geheiratet? Und gibt es heutzutage immer noch die Gefahr der Kriminalisierung von sexuellen Minderheiten? 

Eine Retraumatisierung der Zeitzeugen ist durch die momentane politische Stimmung nicht auszuschließen. Dennoch gab der Kurzfilm einen Einblick, wie sehr sich ein gleichgeschlechtliches Ehepaar an den Kleinigkeiten im Leben erfreuen kann, wenn man nicht aufgrund der eigenen Identität verfolgt wird. 

Das Ludwig-Frank-Gymnasium bedankt sich herzlich bei Klaus Schirdewahn für den spannenden und sehr ergreifenden Einblick und für die vielen Schüler:innenfragen, die er ausführlich beantwortete und damit einen wichtigen Beitrag für die Sichtbarkeit der queeren Community leistete.

F. Fritz & E. Agnetta